Ultra-Trail du Tour du Mont-Blanc 2007

24. bis 26. August 2007 (163 km, 8900 Hm)

Wann nimmt die Quälerei ein Ende?

In 2006 bin ich nach 110 km in Praz de Fort gescheitert wegen derart geschwollene Fußgelenke, daß an weiterlaufen nicht mehr zu denken war. Für die letzten 2 km habe ich damals 3 Stunden gebraucht und war froh wieder in der bewohnten Welt zurück zu sein. Damals konnte ich nichtmal mehr eigenständig aus dem Bus aussteigen. Selbstverständlich hatte ich deswegen noch eine Rechnung offen. Das Dingen muß geschafft werden.


Ab 8. Januar 2007 war die Online-Anmeldung freigeschaltet. Etwa um 8:05 Uhr war ich angemeldet. Das war auch gut so, denn mittags ab 15:00 Uhr war der Lauf mit ein Teilnehmerlimit von 2000 schon ausgebucht.

Die Strecke ist gegenüber 2006 mit 8 km auf 163 km verlängert worden. Dafür ist der Sollzeit von 45 auf 46 Stunden angehoben worden. Damit ist der UTMB zu einem 100-Meiler aufgestiegen. Eine kleine Berechnung lehrt uns, daß lediglich gut 3,5 km mit knapp 200 hm pro Stunde absolviert werden muß.

Warum bin ich eigentlich in 2006 gescheitert? Ich weiß es nicht wirklich. Wahrscheinlich haben damals die falsche Schuhwahl ab Courmayeur und die danach einsetzende Regen dazu geführt, daß ich bei den schwierige Passagen ständig unkontrolliert mit den Innenknöchel aneinander gestoßen bin bis die so geschwollen waren, daß weiterlaufen nicht mehr möglich war.

Für 2007 hatte ich viele Verbesserungen vorgenommen. Vor allem wollte ich nicht mehr verzichten auf ein paar solide Trailschuhe mit sehr gutem Profil. Dazu kam noch Gewichtsreduzierung, besseres Training, leichtere Rucksack, leichtere Regenjacke, Trinkblase anstatt Flasche, Kompressionsstrümpfe und Salztabletten. Auch hatte ich mir in meinen Dropbags für Courmayeur und Champex selbst zubereitete Spaghetti mit Gemüse und jeweils eine Flasche Weizenbier aufgenommen. Die Spaghettis hatte ich kleingeschnitten und einen Löffel war auch in jede Tasche drin. Damit müßte ich auf keinen Fall mehr anstehen und mich auch nicht mehr verlassen auf die Verpflegung. In 2006 bekam ich in Courmayeur nämlich kalte Nudeln mit Olivenöl weil die Soße ausgegangen war. Die habe ich damals nach einem Happen in den Müllsack geworfen. Zusätzlich wollte ich die Woche davor schon vorort verbringen, teils zum akklimatisieren, teils zum Streckenerkundung der mir noch unbekannte Teilabschnitten.


Ich hatte vor, mich eher weiter vorne einzureihen um nicht gleich mit 6 Minuten verspätung loslaufen zu müssen. Jens und Tom meinten aber nicht nach Vorne im getümmel zu wollen. Alleine wollte ich nicht nach Vorne und deswegen bin ich doch hinten bei den beiden geblieben. Sehr relaxed warteten wir den Start ab. Die offiziellen laberten ein Haufen Zeug von dem ich nichts verstand. Ich vermißte diesmal die Musik von Vangelis vor dem Start. Gleich mit dem Startschuß, startete dann aber die Musik, was allerdings zu spät war um Gänzehaut zu bewirken. Nach vier Minuten waren dann auch wir unterwegs. Im "Gedrängel" verloren wir uns sofort.

Nach 10 Minuten lief ich auf Matthias und seine Truppe auf. Nach 10 Minuten Plauderei suchte ich die Flucht nach Vorne. Immerhin wollte ich besser abschließen als letztes Jahr. Die erste 8 km nach Les Houches waren schnell vorbei. Auch diesmal ließ ich die Verpflegung dort aus. Der erste Anstieg nach La Charme begann. Auf einmal war Stille um mich herum. Nur das Atmen und die Stöcke konnte man hören. Anke und Georg (beide jetzt 5-fachfinisher) überholten mich. Ich entdeckte sie zu spät, wollte aber nicht herüberschreien und den anderen dabei stören. Der recht stramme Anstieg verlief gut und kurz vorm Dunkel werden erreichte ich den Gipfel "La Charme", eine etwas andere Strecke als im Vorjahr. Diesmal war die Strecke 7 km länger um den Amerikaner einen 100-Meiler bieten zu können. Die Streckenverlängerung würde genutzt um die eigentliche Mont-Blanc Gemeinde Saint Gervais auf dessen Gemarkung der Mont-Blanc-Gipfel steht im Rennen einzubeziehen. Ein extra Vorteil war, daß ein Engpass vom Letztes Jahr vor Contamines die zu einem Riesenstau führte, heraus genommen werden konnte.

Der Abstieg von La Charme nach Saint Gervais lief über steile Schipisten. Laufen hier war nur für Mutigen möglich. Ich wollte nicht gleich meine Knochen brechen und lief verhalten herunter. Der Abstieg ging gleich in den Waden. Das merkte ich vor allem beim herunterlaufen einer Treppe kurz bevor man in Saint Gervais auf die Hauptstraße kam. Die Laufstrecke führte über den Marktplatz. Dort war eine große Verpflegung eingerichtet. Mir war das alles zu hektisch und nahm lediglich schnell eine Suppe und lief weiter. 20 km in gut 3 Stunden. Immerhin 800 hm.

Etwas gemütlicher lief ich im Dunkeln durch den Wald eine Perlekette von Teilnehmer hinterher nach Contamines. Ganz einfach war das nicht. Die Strecke ging ständig auf und ab. Spürte ich da schon etwas Müdigkeit? Waren die so schnell? Ich ließ abreisen. In gut 1,5 Stunde lief ich die 10 km nach Contamines. Auch hier war wieder ein hektisches Treiben. Ich mußte aber meine Trinkblase nachfüllen und aß eine Banane und ein Riegel und lief sofort weiter. Erst außerhalb der Verpflegung setzte ich mich auf eine Mauer und zog meine Warme Laufpulli an.

Die Strecke nach La Balme hoch ist sehr gut zu "laufen". Hier hielt ich das Tempo hoch. Ich liebe diese moderate Steigungen auf dem ich immer Boden gut mache auf den Anderen. In 1,5 Stunde schaffte ich die 8 km mit 600 hm nach La Balme. Ich fühlte mich super. Es loderte dort ein großes Lagerfeuer. Ich nahm 2 Suppen, traf auf Tom und Hugh. Nach ein kurzes Hallo und das Anziehen meine dünne Regenjacke gegen die Nachtkälte raste ich wieder davon. Das "Rasen" hielt sich in Grenzen, denn der Anstieg nach Bonhomme läßt kaum ein überholen zu. Hier nutzte ich meine Taktik vom letztes Jahr: direkt an dein Vorgänger dran bleiben, damit der hinter dir nicht auf die Idee kommt zu überholen. Immer wieder bleiben Vorgänger mal stehen um Luft zu schnappen. Jedes Mal rückt man dann ein Plätzchen vor. Es ist wie eine riesenlange schmale Treppe. Fast 2 Stunden bin ich am Drücker und werde von keinem überholt. Hier habe ich eine Menge Plätze gutgemacht ohne mich wirklich zu verausgaben. Am Col du Bonhomme geht es noch mal 200 Meter höher nach Croix du Bonhomme. Hier waren wir knapp 2500 Meter hoch.

Ab hier geht es stramm bergab. Es ist kein richtiger Weg zu erkennen. Mehrere Rinnsale und Spuren laufen parallel. Unwegsam, Schräg und Glitschig geht's z.T. gefährlich Steil herunter. Auch hier würde die Strecke im unteren Teil gegenüber dem Vorjahr geändert. Letztes Jahr liefen wir schön Meanderförmig über mit Gras bewachsene Wege herunter. Da konnte man noch richtig Dampf machen. Nicht so dieses Jahr. Die Stecke führte den direkten Weg senkrecht herunter durch nasse Wiesen. Mehrmals fand ich mich auf meinem Hintern wieder. Dann hörte ich Musik von Jimi Hendrix. Les Chappieux kam näher. Livemusik mitten in den Bergen. Ich schauderte und fühlte mich großartig.

Die Verpflegung in Les Chappieux nützte ich zum Trinkblasefüllen. Als Scherz fragte ich nach einem Bier. Prompt hielt eine "Benevole" mir eine Bierdose von Kroneburg vor der Nase. Ich glaubte meine Augen nicht und nahm dankend an. Eine Suppe, Ein Brötchen mit Käse und Salami und ein Bier. Ein Paradies. Dennoch machte ich mich schnell auf dem Weg. Ich erinnerte mich an dem moderaten Anstieg nach Ville des Glaciers und wollte wieder viele Plätze gutmachen. 100 Plätze bis zur Col de la Seigne hatte ich mich als Richtzahl vorgenommen. Ich schaffte es sogar die ganze Asphaltstrecke nach Ville des Glaciers zu joggen. Mensch was ein gutes Gefühl war das. Nicht ein Teilnehmer habe ich dort joggen gesehen. Als ich in Ville des Glaciers ankam, hatte ich schon 60 "Coureurs" überholt. Jetzt wurde es steiler aber immer noch gut begehbar. Ich ließ nicht nach und überholte mit strammes Hochgehen immer wieder kleine Grüppchen. Kurz vor der Gipfel hatte ich mein Ziel erreicht: 100 Teilnehmer überholt. Jetzt hing ich mich an jemand dran um ausgeruht den Abstieg in Angriff nehmen zu können. Col de la Seigne ist etwas über 2500 Meter hoch und ein milder Wind kam mich entgegen. Lediglich gut 2,5 Stunden habe ich für die 10 km mit 1000 hm nach Col de la Seigne gebraucht. Wie letztes Jahr, dämmerte es hier oben, nur daß ich jetzt 7 km mehr in den Beinen hatte. Es lief nachwievor super.


In der Abstieg nach Refuge Elisabetta spürte ich meine müde Beine und mußte es ruhiger angehen lassen. Immerhin konnte ich diesmal Teilstrecken laufen auf dem ich letztes Jahr nur gewandert bin. Sogar das Steilstück herunter, kurz vor Elisabetta, bin ich zügig herunter gekommen ohne jemandem aufzuhalten. Bei der Verpflegung in Elisabetta nahm ich eine Suppe und füllte meine Trinkblase, nahm mir ein Riegel und schon war ich wieder unterwegs.

Jetzt folgten etwa 2 km flach über eine Schotterpiste am Lac Combal vorbei. Ruhig joggend überhohlten ich noch einigen bevor es wieder steil bergauf ging nach Arete Mon Favre. Noch lag diesmal den Anstieg für mich im Schatten. Ich hing mich an ein etwas Pärchen ran. Von hinten gesehen sah sie wie Petra, meine letztes Jahr verstorbene Frau aus. In traurige Gedanken versunken waren wir bald oben. Die Sonne schien und damit verschwand auch meine Traurigkeit. Von Arete Mon Favre gings erst mal etwas steiler bergab aber danach kam ein gut laufbares Stück Höhenweg, was ich auch zum Laufen nützte. Locker lief ich so nach Col Checrouit wo sich gerade die von vielen Erlebnisberichten bekannte Bauchtänzerin fertig machte für ihren Auftritt. Ich nahm mir, ohne wirklich anzuhalten, ein paar Stückchen Käse und machte mich auf den Weg nach Courmayeur.

Der Weg herunter nach Courmayeur ist ätzend. Sie ist steil und sandig. Meine Knie schlotterten. Deswegen bin ich eher ruhig heruntergelaufen ohne viele Plätze zu verlieren. Es wurde aber auch Zeit für eine etwas ausgiebigere Pause. Ich freute mich schon auf mein Weizenbier. In Courmayeur angekommen bekam ich mein Dropbag. Direkt hinter mir bei der Sackausgabe stand Martin. Er meint, ich wäre bei Col Checrouit an ihm vorbeigerannt. "Ich hab Dich vor lauter Bauchtänzerin nicht gesehen".

Es ist etwas nach 10:00 Uhr morgens. Die Sonne prallt auf unsere Schädel. Gemeinsam setzen wir uns im Schatten der Sporthalle und plauderten gemütlich vor uns hin. Ich genieße meine Spaghetti mit Weizenbier, lege einige Klamotten in der Sonne, wechsele meine Kompressionsstrümpfe und packe meine Wechselklamotten aus dem Dropbag im Rucksack. Upps, … was ist das. Die Zeitnahme erfolgt am Eingang der Sporthalle. Na ja, auch gut, dann ist die Zeit von uns in Courmayeur eben nicht die Ankunftszeit, sondern der Abfahrtzeit. Nach 20 Minuten waren wir gemeinsam durch Courmayeur in der Vormittagshitze wieder auf der Strecke. In Courmayeur war die Hitze noch erträglich. Dann überholte uns Tom mit Straffe Wanderschrtitt. Wir grüßten uns und ich wunderte mich, daß er bis dahin nicht vor mir war. Bald war er außer Sicht. Noch ging es nicht steil bergauf aber sobald wir am Steilstück angelangt waren, mußte ich Martin Ziehen lassen. Ich konnte das Durchschnittstempo vom Feld hier nicht mitgehen und mußte mein Tempo gehen. Die Steilheit und dazu noch die Hitze ließen mein Herz rasen aber allmählich fing ich mich und fand mein Rhythmus.

Ich kam bei Refuge Bertone an und Martin war gerade im Gehen. 5 Minuten Pause mußten aber sein. Wieder nahm ich eine Suppe. Um genug Salz zu mir zu nehmen und das Schwitzen zu kompensieren, schluckte ich auch noch eine Salzkapsel. Trinkblase gefüllt uns schon war ich wieder unterwegs. Der Höhenweg zwischen Bertone und Bonatti ist gut laufbar aber ich schaffte es nicht den gänzlich zu joggen. Immer wieder verfiel ich in strammes gehen. Es war einfach zu heiß.

Refuge Bonatti liegt auf eine Anhöhe und verlangte einiges an von bei mir kaum noch vorhandener Kraft. Inzwischen bekam ich auch Probleme zwischen den Pobacken. Ich lief mir dort einen Wolf. Merkwürdig. Damit hätte ich an der Stelle noch nie Probleme. An Refuge Bonatti traf ich wieder auf Martin, verlor ihm allerdings sofort wieder aus dem Augen währenddessen ich eine Suppe aß. Nach etwas 10 Minuten befand ich mich wieder auf der Strecke und merkte meine Pobacken wieder. Dann fiel mir ein, daß ich in Courmayeur mit nassem Hintern Kurz auf dem Boden gesessen habe. Da ich am Anfang des Rennens ordentlich Hirschtalg am Hintern geschmiert hatte, gab's jetzt Sand im Getriebe, das sich durch den Hirschtalg schwierig entfernen ließ. Ich setzte mich hin und zog meine Hose aus, säuberte alles so gut wie möglich und schmierte erneut Hirschtag an den Wunden Stellen. Weiter ging's. Ein kleiner Anstieg und dann für mein Gefühl ein heftiger Abstieg nach Arnouva. Nach 20 Stunden rennen war ich langsam müde, lief aber immer noch deutlich besser als letztes Jahr.

In Arnouva lief Jens auf mich auf. Er erzählte über sein Schicksal, daß er schon nach 8 km in Les Houches über ein Verkehrshütchen gestolpert war und zeitdem sein Arm tierisch weh tat. Es sollte sich nach dem Rennen herausstellen, daß sein Arm gebrochen war. Auwaia. Weiter erzählte er mich, daß Martin sich erst mal eine Stunde hinlegen wollte, denn er hatte Magenprobleme. Ich hatte lediglich einen Wolf zwischen den Beinen und Pobacken zu melden. Wir brachen gemeinsam auf um den Höchsten Berg des Rennens in Angriff zu nehmen. Le Grand Col de Ferret ist deutlich über 2500 Meter hoch und war mir wegen des letztjahrigen Regens in schlechte Erinnerung. Damals fing es für mich genau am Anfang des Anstiegs an zu regnen und hatte kaum Sicht von unter meine Kaputze her. Dieses Jahr gab's noch strahlenden Sonnenschein. Der Anstieg ist zwar steil aber Jens und ich schafften den Höchsten Punkt ziemlich zügig. Oben angekommen begegneten wir Martin wieder. Er hatte sich in Bonatti eine Stunde hingelegt um seinen Magen zu beruhigen. Trotzdem schaffte er es gleichzeitig mit uns oben am Col de Ferret zu sein. Klasse.

Auch der Abstieg bereitete mich letztes Jahr nur Probleme. Meine Schuhe hatten zu wenig Profil und die Bergabstrecke war damals wie Schmierseife, sodaß ich ständig auf die Wiesen ausweichen mußte. Ein Horrorabstieg. Nicht aber dieses Jahr. Die Strecke entpuppte sich als sehr gut laufbar, z.T. mit steile ausgesetzte Stellen aber der Boden war optimal. Höchstens meine Müdigkeit ließ mich keinen Dampf machen. Martin und Jens liefen von mir weg.

In La Peule lief ich wieder auf beiden auf. Martin versuchte sich an einem Süppchen und Jens aß was. Ich rief den beiden zu, daß ich schon mal voraus laufe. Sie werden mich schon wieder einsammeln. Jetzt kam ein tückisches Stück, daß ich letztes Jahr verflucht hatte. Wir mußten ein Bachlauf steil herunter. Letztes Jahr im Regen war das eine Katastrophe. Dieses Jahr ging's einigermaßen. Auf jeden Fall bin ich nicht ausgerutscht. Bald waren Jens und Martin wieder da. Gemeinsam liefen wir die Asphaltstraße nach la Fouly herunter. Es ging dann noch ein Wenig über eine Schotterpiste am Bach entlang. Das letzte Stück war dann wieder Asphalt über die Hauptstraße zum Ortsausgang. Dort war die Verpflegung.

In La Fouly habe ich mich überwiegend um meinen Wolf kümmern müssen. Die Haut an der Innenseite der Pobacken und in der Leiste war wund und tat ziemlich weh. Damit dürfte ich das Rennen wohl nicht auslaufen können. Von Jens bekam ich das Richtige Klebverband. Auf der Toilette verarztete ich mich und wir liefen nahezu sofort danach schon wieder los. Es war noch hell im Gegensatz zum letzten Jahr, wo es regnete und schon längst dunkel war.

Auf dem schmalen Trail nach Praz de Fort konnte ich mich richtig freuen. Erstens sah ich diesmal wenigstens wo ich mich befand. Zweitens Haltete das Klebverband und konnte mich schmerzlos vortbewegen. Drittens, und das war das schönste von Allem: diesmal hatte ich keine schmerzhafte Fußgelenke. Wir kamen also richtig voran. Ich zeigte im Vorbeiflug Jens die Stelle wo ich letztes Jahr ausgestiegen war. Es fühlte sich an wie ein kleiner Sieg. Langsam wurde es dann doch dunkel. Die ganze Strecke bis zur Anstieg nach Chapex-Lac sind wir durchgelaufen. Ein mächtiges Gefühl. Der Anstieg selbst fing ziemlich steil über eine Schotterpiste an. Hier drückten wir uns in großen Schritten hoch um danach wieder in den normalen Anstiegstrott zu enden. Zu steil war die Strecke.

In Champex-Lac angekommen trafen wir wieder auf Martin. Er war schon 20 Minuten da und wollte eigentlich schon wieder weg. Wir mußten erst mal was essen. Er fragte noch ob wir vor hatten, sicher in Chamonix ankommen zu wollen. "Selbstverständlich" war unser Antwort und darauf beschloß er bei uns zu bleiben. Wir mußten allerdings noch was essen und trinken und z.T. unser Laufbekleidung wechseln. Hier prosteten Jens und ich mit unseren Weizenbierflaschen, die wir auch hier hinterlegt hatten. Ich aß noch meine eigene Spaghettis und schon waren wir wieder abfahrbereit.

Draußen angekommen, gaben wir unsere Dropbags ab und Jens bekam gratis neue Batterien für seine Stirnlampe. Meine Batterien waren noch neu und ich verzichtete auf neue Batterien. Zu gespannt war ich auf der Bovine, von dem alle nicht viel Gutes erzählt hatten. Nach eine knappe Stunde kamen wir dann endlich dort an und ich sah auf dem Boden einige Gesichter mit ganz gemeine Gesichtszüge gemalt. Die Bovine hat angefangen. Der Weg wurde immer schlechter und unwegsamer.

"Wie beschreibt man die Strecke zu Bovine am Besten?", habe ich viele andere Teilnehmer gefragt. Ein wirkliches Antwort darauf hab ich nicht bekommen. Es ist auch schwierig denn die Strecke spottet jede Beschreibung. Es ähnelt auf jeden Fall mehr ein Klettersteig als ein Bergweg. Es ist zwar kein richtiger Klettersteig aber unter Wettkampfbedingungen und das auch noch nachts sind diese 700 hm durch dem Wald von Bovine nicht gerade leicht zu ersteigen. Es ist eine Misschung aus Felsbrocken, Steine, Geröll, Baumwurzeln, Bachläufe und Matsch. Die sind so im Wald drapiert, daß es einen Weg erscheint, … isses aber nicht. Gotseidank mußte man diese Strecke nicht herunterlaufen. Ich verstehe nicht wie die Natur das alles mitten im Wald gerade so hinbekommen hat. Von Menschenhand ist der Steinen- und Geröllweg bestimmt nicht. Trotzdem führt sie von unten bis oben auf den Alpenwiesen oben. Von unten erst mal harmlos aber bis oben stetig schwieriger werdend. Da angekommen hat man einen guten km in eine Rinne zu laufen um zur Verpflegung zu kommen. Das war erholsam und man konnte die Lichter von Martingy tief unten wahrnehmen.

Nach der Verpflegung ging es noch mal ein Viertelstündchen bergauf, bis man am Waldrand durch ein Tor mußte und da fing dann die nächste Quälerei an. Ein schmaler Pfad lief steil bergab, selbstverständlich übersäht mit Steine, Wurzeln und Geröll. Nach eine halbe Stunde fingen meine Knie an zu schlottern und wurde immer vorsichtiger. Deswegen würden wir von vielen die diese Mutprobe besser angingen überholt. Das war mir egal. Hauptsache die Knochen bleiben heile. Nach eine Stunde waren wir immer noch auf dem Weg herunter. Der Weg nahm kein Ende. Ich weiß nicht wie lange wir hier wirklich bergab gebraucht haben. In eine Art Trance bewegte ich mich herunter. Mehrmals halluzinierte ich. Bäume bekamen Gesichter mit Augen und Ohren. Eine Frau mit Kind wollte die Strecke überqueren. Später sollte mir Jens noch erzählen, daß er einen Wohnwagen gesehen hat, worauf Martin sagte: "diesen Wohnwagen habe ich auch gesehen". Ich muß da wohl eingeschlafen sein.

Auf der anderen Seite des Tales waren Lichter zu erkennen von den Leuten die schon auf dem Weg hoch waren nach Les Tseppes. "Aua, sieht die Steigung von hier aus gewaltig hoch aus". Endlich dann Erleichterung: wir sind bei Col de la Forclaz angekommen. Nur noch das Stückchen herunter bis Trient und dann gab's wieder ein Verpflegungsposten. Auch dieses Stück herunter war kein Zuckerlecken. Kurz war es eben aber dann eben gewaltig steil über einen von Menschenhand angelegten Pfad herunter. "Wem nützt denn so ein Weg überhaupt?", dachte ich noch. Zu steil zum begehen oder zu befahren. Endlich waren wir in Trient. Gut 6 Stunden nachdem wir Champex-Lac verlassen hatten, lediglich einmal Berg hoch und auf der andere Seite herunter.

Die Vepflegung in Trient konnte ich nicht wirklich genießen, denn ich war zu erschöpft. Jens brachte mich was Brot und Käse, was ich nur zögerlich zu mir nahm. Jens und Martin bestanden auf ein baldiges Verlassen der Verpflegungsstelle also nahm ich schnell noch Cola, Wasser und Iso zu mir, füllte meine Trinkblase, hängte mein Rucksack wieder um und wir verließen Trient. Es dämmerte. Fröhlich erklärte ich meinen beiden Mitstreitern, daß ich den Weg nach Les Tseppes vergangene Mittwoch mit Gero schon abgewandert bin. "Das ist ein Autobahn im Vergleich mit was wir heutenacht durchgemacht haben". "Da kann man sogar hochlaufen, … wenn man will". Wir liefen noch auf einer befahrbaren Bergweg. Huch, … hier mußten wir schon rechts hoch. Das war aber nicht der Pfad, den ich kannte. Hier war es deutlich steiler. Zwar lagen nicht viel Steine im Weg aber man konnte hier alles andere als laufen. Es war ein reines hochdrücken. Im Anfang war ich noch zügig aber das ließ bald nach. Jens und Martin nahmen einen Vorsprung. Ich mußte es ruhiger angehen lassen, denn irgendwie hatte ich kein Kraft mehr. Deswegen drückte ich mich ein Gel herein, aß ein Riegel und machte mich wieder auf dem Weg. Es blieb steil hochgehen. Die Erkundung von vergangenem Mittwoch war also für die Katz gewesen. Ich schaffte es wieder auf ein ordentliches Tempo zu bringen und kurz vor Les Tseppes war ich wieder an Jens und Martin dran.

Ab Tseppes wurde der Weg dann endlich ein Bißchen christlicher. Es war wieder hell geworden und die Sonne schien am Horizont. Dieses Stück kannte ich wieder. Wir kamen auf der andere Seite von les Tseppes Richtung Catogne und konnten von hier der Stausee von Emosson sehen. Wir liefen noch gut einen km bis das Bergablaufen wieder anfing. Links und rechts von der Strecke bei Catogne hatten sich einige Teilnehmer für ein Nickerchen in der Wiese gelegt. Wir wollten weiter. Erst mal 'runter nach Vallorcine. Auch diesen Weg war nicht einfach. Durch die Müdigkeit konnte man seine Beine schlecht koordinieren. Eine Rinne, ein Steilstück und ein paar matschige Wiesen waren zu bewaltigen. Dann kam ein ewig lange angelegte Schipiste, übersäht mit riesigen Schottersteinen. Da machte das Bergablaufe auch nicht wirklich spaß.

Endlich erreichten wir Vallorcine. Jetzt hatten wir noch knapp 7 Stunden für 16 km ohne größere Schwierigkeiten. Hier wußten wir: "das schaffen wir, … nur noch nach hause wandern". Es ist egal ob wir eine Stunde früher oder später ins Ziel sind. Hauptsache wir kommen ins Ziel. Die Verpflegung habe ich irgendwie nicht mehr in Erinnerung. Ich war kurz vorm einschlafen. Am Mini-Anstieg zu Col des Montets kämpfte ich gegen dem Einschlafen. Mehrmals fand ich mich neben der Straße wieder. Einmal stand ich mit einem Bein im Bach. Jens und Martin versuchten mich geduldig wach zu halten. Mal versuchten wir es ohne Stöcke um das monotone Geklacker nicht hören zu müssen, mal ließ ich von Zuschauer Wasser über meinen Kopf gießen. Die Sonne schien mittlerweile wieder Kräftig. Ich nahm jede Gelegenheit war, mein Kopf naß zu machen. Das lenkte ab und bewahrte mich vor dem Einschlafen. Es klappte sogar wieder, richtig zu laufen. Ich war froh, Jens' und Martins Geduld nicht zu sehr auf die Probe stellen zu müssen. Richtig schleunig liefen wir dann so in Argentiere ein. Trotzdem haben wir deutlich mehr als eine Stunde für die vergangene 6 km gebraucht. Hier blieben wir nur ein oder zwei Minuten. Zu sehr sehnten wir uns nach der Ziellinie in Chamonix.

Noch 10 km. Das muß in 2 Stunden zu schaffen sein. Bald führte die Strecke wieder almählich hoch und wir verfielen wieder im "zügig" gehen. Ich kämpfte weiterhin gegen das Einschlafen. Immer mal wieder erlaubte ich mich selbst meine Augen für 10 Sekunden zu schließen. Der Weg war breit und gut laufbar aber wir gingen nur. Immer wieder hoch und herunter fuhr die Strecke durch das Wald "le Bois de Chamonix". Dann kam sogar noch ein unwegsames Stück herunter. Das hat wenigstens den Vorteil, daß man dabei nicht einschläft. Danach kamen noch ewig lange Geraden am Bach entlang und durch Parks, bevor wir dann endlich unter eine Unterdurchführung Chamonix erreichten. Ich hielt mich wach durch bewußt an Sachen zu denken. Bei den Gedanken an meine Verstorbene Frau Petra kamen bei mir die Träne. Meine Beiden Mitstreiter merkten davon nichts, denn ich trug eine Sonnebrille. So half Petra mich auch hier durch mich auf diese Weise wach zu halten. Wie gerne würde sie hier bestimmt mitgemacht haben obwohl sie eine Teilnahme auch erstmal für verrückt halten würde.

Ein Zuschauer rief: "aller, seulement trois kilometres". "Ach nein, nicht noch drei km. Ich mag nicht mehr". Die Strecke ging nach links, nach rechts, wieder nach links, an Tennisplätze vorbei. Wann nimmt die Quälerei ein Ende? Immer erkannte ich noch kein Zentrum. So hin und wieder joggten wir ein paar Hundert Meter. Endlich, … da sah ich bekannte Häuser. Wir wanderten noch ein Stück, bis wir endlich auf der Zielgerade in der Fußgangerzone kamen. Ab da mußten wir natürlich gut aussehen und fingen an zu dritt nebeneinander zu joggen. 10 Meter vor dem Ziel blieben wir stehen und steckten wie drei Musketiere die Stöcke zusammen und wanderten so ins Ziel. Erst mal fielen wir uns Gegenseitig in den Armen. Gero machte Bilder und wir bekamen unsere heiß begehrte Finisher-Weste.

Als erstes danach setzten wir uns auf eine Terrasse und bestellten uns ein großes Bier und sahen das Treiben im Ziel an. Das Bier schmeckte und ich fühlte mich erfüllt und zufrieden. Danach sind wir aufgebrochen. Zu müde um die Siegerehrung abzuwarten. Leider. Wir verpennten sogar der Abendfeier. Zwei Nächten aussetzen ist nicht ganz ohne.

Hier an dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön für die Unterstützung auf der Stecke an meinen beiden Mitstreiter Jens und Martin.

Nach 43 Stunden und 17 Minuten hatte die Quälerei ein Ende.


Nie wieder!
Nie wieder?
Nie wieder!

Vielleicht könnte ich die Runde auch noch ein paar Stunden schneller schaffen … vielleicht.

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